Die Frage nach dem Ursprung der arabischen Schrift

Man hat unter dem starken Eindruck der Aufnahme fremden Kulturgutes in die islamische Welt oft die Bedeutung unterschätzt, die bei ihrer Gestaltung den Arabern selbst zukam. Sie waren nicht nur Kämpfer und Träger der neuen Religion, sondern sie gaben ihr auch Sprache und Schrift.“
(Ernst Kühnel: Islamische Schriftkunst, 1942)

 

Alle heute gebräuchlichen Buchstabenschriften gehen letzten Endes auf die semitische Konsonantenschrift zurück. Die arabische Schrift ist nach der lateinischen die meist verbreitete in der Welt. Ihr Geltungsbereich reichte von Zentralasien bis Zentralafrika und vom Fernen Osten bis zum Atlantik. Geschrieben in arabischer Schrift wird heute Persisch, Urdu (Pakistan und Nordwest-Indien) sowie die Berbersprachen und bis vor einiger Zeit die Turk- und Kaukasussprachen, Malaiisch (Indonesien), Somali, Haussa und Kiswahili.

Der Ursprung der arabischen Schrift ist noch nicht restlos geklärt. Es existieren viele Theorien darüber, von denen einige fundamentale Widersprüche enthalten. Die älteste Inschrift stammt angeblich aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. Man vermutet, dass sie aus der nabatäischen Schrift hervorgegangen ist. Die arabischen Nabatäer bedienten sich bis dahin des Aramäischen als Schriftsprache. Die 22 Buchstaben des aramäischen Alphabets reichten jedoch nicht aus, die 28 Laute der arabischen Sprache auszudrücken. Daher entwickelten die Araber noch weitere sechs Buchstaben.

Typisch für die arabische Schrift sind die Schreibrichtung, die von rechts nach links verläuft, die Verbindung der Buchstaben miteinander sowie die Gleichförmigkeit einiger Buchstaben, die nur durch die über beziehungsweise unterliegenden diakritischen Punkte unterschieden werden. Sie ist eine Konsonantenschrift, bei der die Kurzvokale mittels Zusatzzeichen ausgedrückt werden können. Die Einführung der diakritischen, Vokal- und anderer Sonderzeichen wird gemeinhin dem arabischen Lexikographen al-Khalil ibn Ahmad (gest. 791) zugeschrieben.

Mit der Verbreitung der arabischen Sprache infolge der Islamisierung entstanden im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Schriftstile. Es entfaltete sich eine eigenständige Kunstrichtung – die Kalligrafie.

Die arabischen Kalligrafen verstanden »die Kunst des Schreibens als die Geometrie der Seele, ausgedrückt durch den Körper«. Diese Kunst in ihrer kodifizierten Form geht auf Ibn Muqla (886–940) zurück. Der Tatbestand, dass die arabische Schrift entlang einer horizontalen Linie geschrieben wird, bildet die Grundlage für ein unbegrenztes Spektrum grafischer Formen, die sowohl auf Buchseiten als auch auf Wänden und anderen Flächen zutage treten. Im folgenden sollen die wichtigsten Schriftarten kurz beschrieben werden:

a) Kufi: So benannt nach der Stadt Kufa im Irak. Eine geometrische Konstruktion, die sich auf eckige Elemente stützt. Diese Schriftform ist die älteste. Sie wurde hauptsächlich von Koranschreibern und Sekretären an Königshöfen benutzt. Die älteste erhaltene Inschrift vom Jahre 692 befindet sich im Felsendom in Jerusalem.
b) Naskhi: Eine runde Form, die im 11. Jahrhundert die Kufi-Schrift ablöste. Sie diente vorwiegend zur Schreibung von wissenschaftlichen und literarischen Werken. Auch die Koranschreiber bedienten sich dieser Schrift.
c) Thuluth: Eine komplexe Struktur, die einen feierlichen, liturgischen Wert besitzt. Sie wurde für die Überschriften der Suren im Koran und die architektonischen Arabesken verwendet.
d) Ruqa: Eine kräftige, fette Schrift mit vertikalen Linien und abgerundeten Häkchen auf dem Buchstabenkopf. Sie ist von den Türken entwickelt worden.
e) Diwani: Eine lebhafte, kursive Form, die im 15. Jahrhundert ebenfalls von den Türken entwickelt und gepflegt wurde. Diwani war in erster Linie die Schriftform der Staatsverwaltung und Kanzleien.
f) Taliq: Eine nicht allzu anspruchsvolle Form, in der einige Buchstaben in die Länge gezogen werden.
g) Nastaliq: Eine im 15. Jahrhundert von den Persern entwickelte Schrift, die in Persien und Pakistan u. a. bei der Gestaltung von Briefen, Buchtiteln und Plakaten eingesetzt wird. Nastaliq ist eine Kombination aus Naskh und Taliq.

Bis zur Erfindung des Papiers galt der aus der Sumpfpflanze gewonnene Papyrus als wichtigster Stoff zur schriftlichen Niederlegung. Zwar war er den Arabern bereits in vorislamischer Zeit bekannt, fand jedoch erst nach der Eroberung Syriens und Ägyptens häufige Verwendung. In besonderem Maße eignete sich der Papyrus für die Korrespondenz der Kalifen und überhaupt für Verwaltungszwecke, da eine Fälschung der Schriftstücke ohne Beschädigung des Papyrus ausgeschlossen war.

Die Verarbeitung des Papyrus zu Schreibmaterial wurde anfangs in Ägypten betrieben, später auch im Irak, wo die erste Manufaktur im Jahre 836 in Samarra gegründet wurde. Bereits um die Mitte des 10. Jahrhunderts wurde Papier hergestellt. In Damaskus und Basra (Irak) entstanden Papiermühlen, die das weite islamische Gebiet mit Papier versorgten.

Neben Papyrus wurden seit vorislamischer Zeit auch Leder, Pergament, Holz, Palmzweige, Steine, Textilien, Rippen und Schulterblätter von Kamelen sowie Tonscherben zum Schreiben benutzt. Als Schreibwerkzeug diente hauptsächlich eine Rohrfeder, auf deren Handhabung bei der Ausbildung eines Schreibers besonderer Wert gelegt wurde.

Die Tinte war in zwei Arten gebräuchlich: Die einfache bestand aus Ruß und Honig, die andere aus Galläpfeln und verschiedenen Zusätzen wie Kampfer, Aloe und Gummi. Der Schreiber stellte seine Tinte selbst her, da er darauf bedacht war, dass sie keine Beimengungen von zersetzender Wirkung enthielt. So hinterließen islamische Kalligrafen besondere Rezepte zur Herstellung von Tinte.

Autor alephc

 



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